Das Corona-Verhalten der Österreicher – Spiegelbild unserer Politik.

Du Geimpfter. Du Ungeimpfter. Du Verschwörungstheoretikerin. Du Impfanhängerin. Du Impfgegner. Du Solidarisierer. Du Impfskeptiker. Du Verantwortungsloser. Du Übertreiberin. Du Verharmloserin. Du Freiheitsberauber. Du Bürger. Du Politiker. Du selbsternannter Richter.


Die Trennung in Sachen Corona begann am 20. März 2020. Die Landespolizeidirektion Wien verschickte einen Brief an ihre Mitarbeiter:innen mit dem Betreff: COVID-19: Imagekampagne der Wiener Polizei: „I am from Austria“. Fortan fuhren die Streifenwagen mit geöffneten Fenstern durch die Bundeshauptstadt und spielten dabei „I am from Austria“ von Reinhard Fendrich die Straßen rauf und runter. Schließlich ist spätestens seit Hitler klar, wenn alles nichts mehr hilft, dann stärken wir das nationalistische Denken, damit die Menschen ihr Hirn ausschalten. Ich könnte heute noch kotzen. Als ob das Herbeiführen von Trennung durch die Stärkung von Identität in der österreichischen Geschichte nicht schon genug Schaden angerichtet hätte. Kreativ? Ja. Durchdacht. Nein. Dumm. Ja, mit drei Ausrufezeichen.


Seither haben die Österreicher:innen viel erlebt. Und spätestens mit der vierten Coronawelle haben wir es geschafft, einen Keil in die Bevölkerung zu treiben, der selbst den Mount Everest in zwei Teile spalten würde. Wenn ich diese Zeilen schreibe, dann beschimpft gerade unsere Tourismusministerin Elisabeth Köstinger ihren Parlamentskollegen wie folgt: >>Herbert Kickl hat eigentlich Blut an den Händen.<< Er antwortet in österreichischer Politikermanier >>wer mir ausrichtet, dass ich Blut an den Händen habe, dem richte ich aus, dass er nur Mist im Kopf hat.<<

Im selben Augenblick spielen sich in den verschiedensten Lockdown-Haushalten Tragödien ab. Auf den Intensivstationen sterben Menschen. Die Mitarbeiter:innen in Pflegeberufen kriechen auf dem Zahnfleisch. Und vor allem Kleinst- und Kleinunternehmen bangen um ihre Existenz. Aber Scheiß drauf. Statt sich in der schlimmsten österreichischen Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges einem gemeinsamen Ziel unterzuordnen, zankt sich die Elite des Landes wie vierjährige Kinder (Tut mir leid liebe Kinder, dass ich dieses Verhalten mit euch überhaupt in Verbindung bringe. Ich weiß es wird euch nicht gerecht. Es dient der Veranschaulichung der unermesslichen Unreife in unserem kleinen, von Bergen durchzogenen, Schurkenstaat).


Willst du bei diesem Spiel weiter mitmachen?




Ich mache nicht mit. Weil ich in meiner Arbeit mit Organisationen, die ohne Führungskräfte auskommen, viel gelernt habe. Die Quintessenz ist: Menschen verhalten sich. Aber NEIN, sie sind nicht so.

Die Impfgegnerin ist nicht dämlich. Und der Geimpfte ist kein Genie. Beide verhalten sich so, weil sie ihr vergangenes Leben etwas gelehrt hat. Das bringt uns wieder zu unserer lieben Politik. Was lernen Menschen in Österreich für ihr Verhalten, wenn sie auf folgende Ereignisse der letzten Wochen, Monate und Jahre zurückblicken:

  • Ist eine Partei erst einmal am Ruder, tauscht sie Kanzler und Minister:innen nach ihrem eigenen Gutdünken. Die Wähler werden nicht einmal ansatzweise berücksichtigt.

  • Ein Kanzler der vorwiegend durch nationalistische und ausgrenzende Aussagen auffällt und sich als armes Hascherl auf die Unschuldsvermutung beruft. Schließlich sind Chats die mehr als eindeutig nachweisen, wie moralisch fragwürdig und respektlos sich jemand verhält, für einen österreichischen Spitzenpolitiker lange kein Grund, sich selbst in Frage zu stellen.

  • Das ein kleines Filmchen auf einer spanischen Insel in anderen Ländern zu mehr Aufmerksamkeit führt als in der Heimat der Protagonisten. Der Hauptdarsteller gibt im Ego-Testosteron-Rausch einen Einblick in den österreichischen Politiksumpf. Die Welt lacht. Bis heute bleiben tiefgreifende Konsequenzen aus.

  • usw.

Die Liste ist beliebig erweiterbar.


Jetzt frage ich dich direkt. Willst du wirklich Österreicher:innen für ihre Perspektive auf die Corona-Impfung verurteilen? Willst du dafür dir nahestehende Menschen aus deinem Leben ausschließen? Willst du dich dafür selbst überhöhen, weil du geimpft bist, oder glaubst, die Verschwörung erkannt zu haben? Willst du dazu beitragen, den Keil noch tiefer in unser Land zu treiben?


Ich selbst bin genesen und zweimal geimpft. Ich bin ein Anhänger der Wissenschaft. Aber vor allem versuche ich eines, Menschen nicht für ihr Verhalten zu verurteilen. Stattdessen bleibe ich neugierig. Ich will wissen, was sie antreibt, was sie erlebt haben, dass sie eben diese Entscheidung treffen. Und offensichtlicher kann der Antrieb für das Misstrauen vieler Österreicher und Österreicherinnen in Sachen Impfung nicht sein. Wer, verdammt nochmal, hat einen Grund unseren Politiker:innen auch nur ein Wort zu glauben? Hier geht es lange nicht mehr um Wissenschaft oder Verschwörungen. Hier geht es um eine Demokratie, die ihren Namen nicht verdient. Hier geht es um eine politische Elite, die zurecht jegliches Vertrauen verspielt hat.


Zum Abschluss meine Bitte an dich. Bevor du das nächste Mal jemanden verurteilst, frage dich selbst: >>was hat dieser Mensch möglicherweise erlebt, dass ihn zu dem Entschluss kommen lässt, dass das der richtige Weg für ihn ist? <<.


Denn:

Menschen verhalten sich, aber sie sind nicht so.


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