Ich, Besserwisser, übernehme.

Wirtschaft interessiert mich. Regionale umso mehr. In der folgenden Geschichte habe ich zufällig über verschiedenste Bekannte Einblick in ein kleines Unternehmen um die Ecke. Gerade einmal 11 Mitarbeiter. Und trotzdem groß genug, um das Ego des jungen Nachfolgers gehörig aufzublasen.


Hintergrund:

Die Firma existiert seit mehreren Jahrzehnten und produziert Maschinenbau-Produkte für einen Nischenmarkt. Der mittlerweile ehemalige Eigentümer und Geschäftsführer ist über 70 Jahre alt. Seit geraumer Zeit lässt er es „schleifen“. Seine beiden Kinder interessieren sich nicht im Geringsten für den Betrieb. Nachdem sich über die Jahre in regelmäßigen Abständen immer wieder Gerüchte auftaten, war es jetzt so weit. Ein Jungunternehmer aus einem Nachbarort hat ernst gemacht. Er hat dem Gründer das Unternehmen abgekauft. Er selbst hat eine technische Ausbildung, hat als Konstrukteur bei einem größeren Maschinenbauunternehmen gearbeitet. Seit einigen Jahren, zuerst in Teilzeit und mittlerweile in vollem Umfang, ist er selbstständig. Ein begnadeter Tüftler. Ein Macher. Keine Frage. So weit, so gut.





Die Haltung:

Nachdem ich die letzten Tage von mehreren Seiten gehört habe, dass aus dem aktuellen Gerücht ein Kauf wurde, war ich gespannt. Wie der Zufall so will, treffe ich meinen Schwager. Er betreibt eine Landwirtschaft und ist regelmäßig mit dem neuen „Großunternehmer“ in Kontakt. Wir kommen auf die Übernahme zu sprechen.


Er meinte, er hatte noch nie so viel zu tun. Er muss dort erstmal aufräumen. Vertriebsleiter, Einkaufsleiter, Produktionsleiter und Chef. All das muss er jetzt alleine managen. Weil in seiner neuen Firma, mit der Belegschaft sonst nichts passiert.

Ich habe kurz überlegt, ob ich darauf jetzt antworte. Schließlich habe ich mir auf die Zunge gebissen. Mein Schwager will das nicht hören, dachte ich mir. Innerlich war ich ziemlich aufgewühlt.


Die Reflexion:

Wie kommt jemand dazu, so abfällig über eine Belegschaft zu sprechen, die er kaum kennt. Ihm sind keine Hintergründe aus der Vergangenheit bekannt. Er weiß nicht, was den Menschen widerfahren ist. Ja, er hat ein Unternehmen gekauft. Gibt ihm diese Tatsache das Recht, mit Mitarbeitenden umzugehen, wie er will? Mir setzt diese Haltung zu. Weil ich glaube, dass sie zu einem großen Teil aus dem gesellschaftlichen Bild des Unternehmers kommt. Er besitzt den Laden jetzt. Er sagt, wo es lang geht. Er erhöht sich gegenüber der Belegschaft, weil auf einer Urkunde sein Name steht.

Besser fühlt sich dieses Szenario für mich auch nicht an, wenn ich an das denke, was die Mitarbeiter über die letzten Jahre geleistet haben. Der ehemalige Eigentümer hat die Menschen sich selbst überlassen. Wenn es ihm zu bunt wurde, hat er mal wieder einen „Züchtiger“ als Produktionsleiter eingestellt. Mit dem klaren Auftrag, hier mal ordentlich durchzugreifen. Geblieben ist keiner. Wer immer noch da ist, sind die 11 Leute, die seit Jahren nicht dank der Führung, sondern trotz der Führung das Unternehmen über Wasser gehalten haben. Deren Einsatz und Ausdauer ermöglicht, dem Nachfolger einen halbwegs funktionierenden Betrieb zu übernehmen. Zu einem Preis, den er sich leisten kann. Denn würde es sich um einen hochprofitablen Spitzenbetrieb handeln, hätten wohl seine Geldmittel nicht gereicht.


Ich persönlich finde weitaus mehr Gründe für den Nachfolger, der Belegschaft dankbar und demütig zu begegnen. Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf, wenn du eine Geschichte liest, wie diese?

Empfohlene Einträge
Aktuelle Einträge
Archiv
Schlagwörter
Noch keine Tags.
Folgen Sie uns!
  • Mail_Orange_2
  • Linkedin_Orange_2
  • Xing_Orange
  • Facebook_Orange
  • Twitter_Orange
  • Google_Orange_4
  • Youtube_Orange