Mehr Geld für die Pflege. Danke, 5, bitte setzen.

Das bekommen unsere Kinder in der Schule zu hören, wenn sie denselben Fehler zum x-ten Mal machen. Jetzt halte ich diese Vorgehensweise im Bildungssystem schon für überholt. Trotzdem ist sie unserer Politik Kilometer voraus. Oder hast du jemals erlebt, dass es zu einem nachhaltigen Ergebnis führt, wenn man mehr Geld in einen lichterloh brennenden (Pflege-)Ofen schüttet? (In Anlehnung an diesen Artikel auf orf.at: https://orf.at/stories/3240869/)

Wieder einmal bin ich völlig ratlos. Wie einfach machen es sich Politiker:innen hierzulande? Was sagt das über unsere Denkweise aus, wenn wir ein Problem, dass Abhängigkeiten zu folgenden Themengebieten hat, mal eben mit 9 Maßnahmen-Forderungen lösen will:

  • Zu geringe Kapazitäten (Mitarbeiter & Flächen)

  • Neubauten sind kritisch, wegen Flächenfraß (ja, da war was mit dem Klima)

  • Bürokratie an allen Ecken und Enden

  • Hierarchien die ihren Kampf auf dem Rücken der Pfleger:innen austragen

  • Betreiber, die ihre Mitarbeitenden wie Dreck behandeln

  • Hierarchien die Solidarität und das Sozialbewusstsein der Mitarbeitenden ausnutzen bis zum Burnout dieser

  • Demografischer Wandel, wo wohnen die Menschen, die in Zukunft Pflege brauchen

  • Messung und Verteilung des Geldes nach falschen Anhaltspunkten

  • Harte zahlengetriebene Betriebswirte haben das Sagen

  • Geistige und körperliche Degeneration durch Separierung von der Gesellschaft

  • usw.

Zudem kommen folgende, von den Konsequenzen betroffenen, Interessensgruppen hinzu:

  • Der zu pflegende Mensch

  • Deren Angehörige

  • Deren Bekannte und Freunde

  • Pflegekräfte

  • Familien von Pflegekräften

  • Verwaltungs- und Koordinationsmitarbeiter:innen

  • Betreiberorganisationen

  • Ausbildungsorganisationen

  • Gemeinden

  • Bundesländer

  • Bund

  • Europäische Union als übergeordneter Gesetzgeber

  • Thematisch angrenzende Behörden und Institutionen

  • und viele mehr, die ich vergessen habe, oder nicht kenne.

Wenn ich die beiden Listen sehe, sind zwei Dinge augenscheinlich:


1. Wir haben es mit vielen Einflüssen und Interessensgruppen zu tun. Betrachten wir diese als Gesamtkonstrukt, sprechen wir von einer komplexen Herausforderung. Komplex meint, dass die Wirkzusammenhänge nicht mehr klar sind. Beispiel: Wenn ich mit einem großen Hammer auf ein Trinkglas einschlage, geht dieses kaputt. Ursache und Wirkung sind offensichtlich. Das Ergebnis ist vorhersehbar. Anders verhält es sich bei der Wetterprognose. Wenn in den USA ein Wetterumbruch stattfindet, hat dieser eine Auswirkung auf unsere Wetterlage in Europa. Wie sie aussieht, wann sie uns betreffen wird, beides ist erstmal völlig offen. Obwohl die Ursache bekannt ist, bleibt deren Wirkung zu großen Teilen unklar und unvorhersehbar. Das zeichnet eine komplexe Aufgabenstellung aus. Warum das wichtig ist, lernen wir später.


2. Die Entscheidungen werden von Menschen getroffen, die von den tatsächlichen Problemen am weitesten weg sind. Wie gut können Landes- und Bundespolitiker die Lage in den Pflegeberufen einschätzen? Ich denke, das ist nicht leistbar. Und wer sich das selbst zumutet, scheint die Situation und ihre Komplexität massiv zu unterschätzen. Die von den Umständen am stärksten betroffenen Menschen – die Klienten und Pflegekräfte – werden nicht, oder völlig unzureichend, in den Prozess eingebunden. Das hat bedenkliche Folgen, wie wir in der weiteren Betrachtung feststellen werden.




Wie funktioniert es anders?


Eine bekannte Alternative ist das Buurtzorg Modell. Hierbei handelt es sich um eine (Hauskranken-)Pflege Organisation in den Niederlanden. Bemerkenswert sind hier zwei Punkte:

1. Die Klienten werden in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt. Die Pflegeorganisation baut sich rund um ihre Bedürfnisse konsequent auf. Im Vergleich dazu richten sich die österreichischen Betriebe nach der Hierarchie und dem Budget aus. Der Klient ist eher ein ungebetener Gast und wird als Kostenfaktor betrachtet.


2. Die Pflegemitarbeiter:innen organisieren und führen sich bei Buurtzorg selbst. Dort gibt es keine Chef:innen, keine Pflegedienstleitung, keinen Bürgermeister der reinpfuscht. Sie werden ersetzt durch eine Art verteilte Führung in den Teams. In übergeordneten Themen werden diese durch Coaches unterstützt. Das Unternehmen ist trotz oder wegen dieser Art der Zusammenarbeit von 2007 bis 2019 von 4 auf 14.000 Mitarbeitende gewachsen.


Mehr über Buurtzorg gibt es hier zu lesen: https://fosteringinnovation.de/soziale-innovationen-das-beispiel-alter-und-pflege/


Andere Pflegeunternehmen in Holland haben dieselben Probleme wie ihre österreichischen Schwesterorganisationen. Buurtzorg ist hier die Ausnahme. Was machen sie im Kern anders?

Wie wir am Beispiel der hiesigen Politik sehen, denkt die Mehrheit linear und in einfachen Zusammenhängen. Die Komplexität, die wir vorher schon besprochen haben, wird ausgeblendet. Buurtzorg hingegen hat erkannt, dass ihr Problem, dass sie für ihre Klienten lösen wollen, vorwiegend ein Soziales ist. Deshalb sprechen wir hier auch von sozialer Innovation.

Was lernen wir daraus:


1. Es macht Sinn, sich auf die Ursache einer Herausforderung zu fokussieren. Die Wurzel hinter den Problemen in den Pflegeberufen sind sozialer Natur. Entsprechend kann sich der Lösungsraum nur in diesem Gefüge befinden. Deswegen wäre es an der Zeit soziale Innovationen zu treiben, anstatt das Geld im bereits lichterloh brennenden Pflegesystem in Schall und Rauch aufgehen zu lassen.


2. Soziale Herausforderungen sind immer komplexe Problemstellungen. Weil es sich dabei um Menschen und deren Beziehungen untereinander handelt. Hinzu kommen Abhängigkeiten zum gesellschaftlichen Miteinander. Wie wir oben im Artikel gelernt haben, gibt es hier keine direkten Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung. Dazu sind wir und unsere Beziehungen zu irrational und das umgebende Gesellschaftssystem zu kompliziert. Die Entscheidungstheorie hat zu dieser Ausgangssituation eine klare Meinung: Einzelperspektiven, und das betrifft jene von Politikern und/oder vermeintlichen Experten/Führungskräften, sind eine schlechte Wahl in einer komplexen Aufgabenstellung. Stattdessen ist es sinnvoll, eine verhältnismäßig große Gruppe von Menschen zu bilden und diese mit dem Problem zu konfrontieren. Bei der Auswahl gilt es darauf zu achten, möglichst alle Interessensgruppen, wir erinnern uns an die Auflistung weiter oben im Artikel, vertreten zu haben. Ich spreche hier von einem verbindlichen Beteiligungsprozess (https://de.wikipedia.org/wiki/Partizipation). Verbindlich deswegen, weil die Ergebnisse bindend sind. Auch für Politiker und/oder andere Entscheidungsträger. Ein Partizipationsprozess bringt die notwendige Vielfalt an Perspektiven mit, um mit einer derart schwierigen Fragestellung erfolgreich umzugehen. Er stellt die Art von sozialer Innovation dar, die wir nötig haben.


3. Solche Mitbestimmungsprozesse haben positive Nebenwirkungen. Nach einer getroffenen Entscheidung muss niemand mehr überzeugt werden. Denn die Menschen, die die Veränderung durchführen, waren von Beginn an involviert. In der Praxis bin ich selbst immer wieder erstaunt, mit welcher Geschwindigkeit und Motivation der gemeinsam erarbeitete Weg in die Umsetzung gelangt. Im Vergleich dazu wirkt der klassische Ansatz, in dem Politiker/Entscheidungsträger über alle Köpfe hinweg entscheiden wie eine lahme Ente.

In meiner Arbeit darf ich täglich sehen, wie Partizipation Lösungen für herausfordernde Situationen hervorbringt. Ich bin überzeugt, die Beteiligung von normalen Menschen an den uns bevorstehenden Herausforderungen ist der Strohhalm, an den wir uns klammern sollten. Aber dazu braucht es Taten. Dein Beitrag kann sein, dich in deinem Einflussbereich konsequent für mehr Partizipation einzusetzen. Das kann an deinem Arbeitsplatz, bei deinem Verein, in deiner Schule oder in deiner Gemeinde sein. Bleib dran. Denn jeder Mitbestimmungsprozess ist eine Chance, die Welt ein Stück besser zu machen.




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